Flucht und Trauma - Gespräch mit Psychotherapeutin Mag.a Christa Renoldner

Flucht & Trauma: Zeit heilt nicht alle Wunden

SALZBURG: Die Begleitung von traumatisierten Menschen kann Freiwillige in der Flüchtlingsbetreuung schnell überfordern. Psychotherapeutin Mag.a Christa Renoldner hält kostenlose Fortbildungen für das Sprachtraining des Diakoniewerks ab und gibt Tipps, wie Freiwillige mit diesen Situationen leichter umgehen können.

„Wenn man es knapp formuliert, ist ein Trauma eine Situation, die einem Menschen zu viel, zu schnell und zu heftig ist“, erklärt Psychotherapeutin Mag. Christa Renoldner. In diesem Sinne hat also jeder Mensch bereits traumatisierende Erlebnisse erfahren, z.B. durch die Beobachtung eines Unfalls oder den Verlust eines nahestehenden Menschen. Die große Frage dabei ist, wie gut man solche Erfahrungen verarbeiten kann. Das trifft natürlich auch auf Menschen zu, die aufgrund von Krieg und Verfolgung geflüchtet sind. Wenn man die Erfahrungen aus verschiedenen Kriegen heranzieht, können wir davon ausgehen, dass fast alle Flüchtlinge traumatisiert sind. „Die persönliche Fähigkeit zur Resilienz entscheidet aber, ob jemand weiterreichende Folgen wie eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt oder nicht“, weiß Renoldner.

Doch wie erkennt ein Freiwilliger, dass jemand an einem Trauma leidet und was kann er tun?

Wenn sich ein Flüchtling z.B. beim Deutschlernen sehr schwer tut, sich trotz vieler Stunden auch nicht die einfachsten Dinge merken kann, sollte man achtsam sein . „Natürlich kann anderes dahinter stecken, z.B. Desinteresse, Enttäuschung, geringere kognitive Leistungsfähigkeit oder auch eine Depression“, erklärt Renoldner. Es kann aber auch ein Trauma die ganze Konzentration eines Menschen beanspruchen.

Eine posttraumatische Belastungsstörung zeigt sich durch sogenannte „Flashbacks“. Meist werden der Blick und der ganze Körper des Menschen starr vor Angst, es scheint, als sei er ganz weit weg, allerdings nicht im Sinne einer Tagträumerei. Der Betroffene fällt sozusagen in die traumatisierende Situation zurück und erlebt diese nochmals mit dem ganzen Körper und dem überwältigenden Gefühl der Hilflosigkeit oder auch Scham. Oft treten Symptome wie Schweißausbrüche, heftiges Zittern, Erbleichen oder Erröten im Zusammenhang mit absinkendem oder sehr hohem Blutdruck, plötzliches unkontrolliertes Weinen oder auch andere unwillkürliche, körperliche Symptome, wie z.B. Erbrechen auf.

„Für Freiwillige ist grundsätzlich wichtig zu wissen, dass sie nicht nach dem traumatischen Erlebnis fragen müssen. Nur die wenigsten Menschen wollen davon berichten und nicht jeder Freiwillige hält das auch aus“, erklärt Renoldner. Schon gar nicht ist es die Aufgabe der Freiwilligen, ein Trauma zu heilen. „Dafür gibt es Spezialisten. Wobei die Therapie erfolgreicher ist, wenn sich die Menschen bereits in Sicherheit fühlen können, also einen positiven Asylbescheid haben und nicht mehr bangen müssen“, ist Renoldner überzeugt.

Wichtig für die Betroffenen ist es aber, dass die Freiwilligen Verständnis zeigen, dass es ihnen schlecht geht und dass jemand da ist. Die Freiwilligen sollen versuchen, sie aus dem Flashback herauszuholen. Das funktioniert meist sehr gut durch eine kleine körperliche Aktivität. „Es hilft schon, wenn man jemandem vorschlägt gemeinsam Tee zu kochen oder bittet, das Fenster zu öffnen“, erklärt Renoldner. Danach kann man fragen, ob die betroffene Person erzählen möchte. „Die meisten sagen dann ‚Nein‘“, weiß die Psychotherapeutin aus langjähriger Erfahrung.

In weiterer Folge ist es wichtig, den Betroffenen nicht die gesamte Verantwortung abzunehmen, sondern an ihre Selbstständigkeit zu appellieren. „Sie sollen Alltagsdinge erledigen können. Es ist wichtig ihnen zu sagen, was alles zu tun ist, während man auf den Asylbescheid wartet. Man sollte nachfragen, was den Betroffenen helfen kann, damit es ihnen besser geht oder sie lernen können“, erklärt Renoldner. Körperliche Bewegung an der frischen Luft ist immer hilfreich, ebenso gute soziale Kontakte.

Wie grenzt man sich als Freiwilliger von traumatischen Erlebnissen anderer ab?

Durch die Begleitung von Menschen, die Schreckliches erlebt haben, können Freiwillige selbst sogenannte sekundäre Traumatisierungen erleiden. Deshalb sollte man besonders auf den Selbstschutz achten. Das kann bedeuten, dass man nicht genauer nachfragen möchte und lieber an professionelle Spezialisten verweist. Erfolgreiche Unterstützung für den Selbstschutz bieten regelmäßige Austauschtreffen mit anderen Freiwilligen sowie Supervision. „Besonders hilfreich ist es auch, sich folgende Fragen zu stellen, um seine Grenzen zu kennen: Welche Rolle nehme ich ein? Welche Verantwortung übernehme ich und welche nicht? Wo liegt die Gefahr, mich selbst zu überfordern? Wann muss ich ‚Stopp‘ sagen?“, rät Renoldner. Manchmal liege die größte Herausforderung darin, dass man aushalten müsse, dass etwas schlimm war und ist und dass man es nicht ändern kann, meint Renoldner.

TIPP: Sprachkoffer - Ein Angebot der Kooperationspartner Diakoniewerk Salzburg (Sprachtraining im Freiwilligen Netz) und Land Salzburg (Referat für Jugend, Generationen und Integration)

Im September öffnete sich der "Sprachkoffer" für das Land Salzburg. Freiwillige SprachtrainerInnen und DaZ-LehrerInnen können sich dabei neue Impulse für ihre praktische Arbeit holen. Denn bei der Schulungs- und Dialogreihe "Sprachkoffer" geht es nicht nur um die theoretische Weiterbildung, sondern auch der praktische Aspekt wird miteinbezogen.

Referentin für das Thema "Flucht und Trauma": Frau Mag.a Renoldner, aktuelle Termine finden Sie unter "Bildungsangebote"

Zurück