19.09.2016 von Frei Willig

Top-Thema - Freiwilliges Engagement in der Flüchtlingshilfe

Flüchtlinge in unseren Reihen

Ihnen die deutsche Sprache vermitteln
Mag. a Marion Schreiber – Freiwillige Deutschtrainerin in einem Flüchtlingshaus (Stadt Salzburg)

(Auszug aus einem Bericht Dezember 2015)

Die Kursteilnehmer:
Mein Kurs findet Montag und Donnerstag von 9.30 bis 11.00 Uhr statt. Einige sind schon seit Februar dabei. Zwei Palästinenser aus Syrien – sie wurden als staatenlos geführt – bekamen Asyl und eine Wohnungn Ebenau. In der Stadt zu wohnen ist für sie unerschwinglich. Andere wurden abgeschoben: Ein Ägypter, ein Albanier, ein Kirgise, der selbst um Rücktransport bat. Ein Kongolese legte zweimal Berufung ein - als sie ihn abschieben wollten, tauchte er unter. Wo ist er jetzt? Es beschäftigt mich! Ein Kosovare ist noch immer da, aus gesundheitlichen Gründen, heißt es. Eine humane Seite unseres Systems!
Die Kurse sind freiwillig. Alle, die zum Kurs kommen, sind Alphabeten und können erfreulicherweise unsere Schrift. Wie haben sie diese gelernt? Einige wohl über Englisch, das mehrere sprechen können.

Der Unterricht:
Wir waren am Beginn vier Freiwillige, alle pensionierte Lehrer_innen. Ein Kollege hat bald aufgegeben, eine andere macht jetzt eine Pause. Zu zweit decken wir nun vier Vormittage ab.
Ja, um da dran zu bleiben muss man seine Vorstellungen von Unterricht völlig ändern. Mir gelang es nach einem Vormittag, der mich völlig frustriert und erschöpft entließ: Sie kommen zu spät oder kommen nicht, sie machen die Aufgaben oder nicht. Wir haben kein Lehrbuch (wer sollte das finanzieren?). Ich plane den Unterricht, kopiere Informations- und Übungsblätter, aber kann nicht sicher sein, ob diese Vorbereitung durchführbar ist, d.h. ob die Teilnehmer der vorhergehenden Stunde auch da sind. A b s o l u t e Flexibilität ist angesagt. Wir haben uns Gedanken gemacht über die Gründe für diese Fluktuation: die Leute sind traumatisiert, für sie ist anderes wichtig; sie schlafen nachts wenig, sollten wir den Kurs später beginnen?; sie sind lethargisch; sie wissen nicht, ob sie Asyl bekommen, wozu sollten sie da Deutsch lernen?; sie wissen gar nicht, wie man lernt – eine Reihe kommt mit wenig Schulbildung; sie tun sich schwer beim Erlernen einer Sprache; sie kommen aus Ländern mit einem anderen Zeitgefühl. Uns leiteten auch Überlegungen, die wir für absolut überzeugend halten: Wieso kapieren sie nicht, dass sie hier Deutsch brauchen! Wenn sie Asyl haben, dann müssen sie sich eine Arbeit suchen, das geht ohne Deutsch nicht. Oder als letztes verzweifeltes Argument: Lernen ist nie umsonst, das kann einem niemand nehmen. – Was soll’s!

Ich habe aufgegeben nach Gründen zu suchen, ich konzentriere mich nur mehr aufs Tun. Und das ist w i r k l i c h befriedigend, für mich und für die Asylwerber; ich bin entspannt und sie dann auch: Wenn nur einer kommt, arbeite ich mit ihm! Anfangs waren es 15, nun sind es meist vier bis sechs. Wer die Aufgabe gemacht hat, bekommt meine Rückmeldung, wer nicht, hört zu oder macht es im Unterricht. Die Kunst ist nur, alle so zu beschäftigen, dass keiner das Gefühl hat, sein Dabei-Sein hat keinen Sinn.

Daneben gibt es aber auch die Engagierten, die mehrere Deutschkurse besuchen, vormittags, nachmittags, abends, oder sogar den Hauptschulabschluss machen. Die können sich auch schon recht gut verständigen. Neuestens habe ich 2 Somalier und einen Syrer, die die ganze Hausübung machen und sogar 5 Minuten vor Beginn schon da sind.
Letztlich ist die Stimmung in den Unterrichtsstunden immer gut: Ich komme mit Mikado und Flohspiel, um den Dativ zu üben – neben mir, auf dir, zwischen ihnen…, ich bringe Bälle mit, um die Morgenmüdigkeit zu vertreiben und wir freuen uns über amüsante Meldungen oder auch lustige Fehler.
So sind die Lernenden erfreut und ich gehe immer inspiriert und bereichert weg.

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