Durch ehrenamtliche Hilfe selbstbewusst in Richtung Matura unterwegs – Interview mit Aysun Turan

 

Aysun Turan mit Sohn Cem

FWZ: Frau Turan, Sie sind für mich ein Beispiel dafür, dass die Unterstützung durch Freiwillige eine ganz besondere Qualität haben kann. Sie hatten sich im November 2011 im Freiwilligenzentrum gemeldet und um eine Lernhilfe angesucht. Sie erzählten mir, dass Sie am WIFI Salzburg die Matura machen wollten und dass Sie eine ehrenamtliche Hilfe für Ihr erstes Fach, nämlich Mathematik, benötigten, da eine bezahlte Nachhilfe für Sie als Alleinerzieherin nicht so leicht finanzierbar wäre. Und es war dann wirklich ein glücklicher Zufall, dass ein bereits sehr erfahrener Freiwilliger, nämlich Herr Dr. Burgstaller, der schon mit einigen SchülerInnen Mathematik gelernt hatte, Zeit hatte, diese Aufgabe zu übernehmen.

Aysun Turan: Für mich war das eine ganz tolle Erfahrung, dass mir hier ohne jede Vorbedingung geholfen wurde! Ich war überrascht, dass ich nicht erst viele Fragen nach meiner Herkunft oder Religion beantworten musste, sondern für die Vermittlung einer unentgeltlichen Hilfe genügte es, dass ich eine Alleinerziehende war, die sich entschieden hatte, auf dem zweiten Bildungsweg die Matura zu schaffen.

FWZ: Wie kamen Sie zu dieser Entscheidung, als Erwachsene quasi nochmals die Schulbank drücken zu wollen? Neben Ihrer Berufstätigkeit, Ihrer Aufgabe als Mutter, der Arbeit mit dem Haushalt und so weiter, war da sicher nicht gerade viel Zeit übrig.

Aysun Turan: Es war schon immer mein Wunsch gewesen, eine Ausbildung zu machen. Leider musste ich nach dem Abschluss der Pflichtschule in Bischofshofen (im Pongau) gleich arbeiten gehen, da Geld verdienen angesagt war. Meine Eltern stammen aus der Türkei, ich bin mit vier Geschwistern aufgewachsen und war das Sandwichkind, zwischen zwei älteren und zwei jüngeren Geschwistern. Meine Familie lebte nach einer Tradition, in der Mädchen in Bezug auf eine gute Ausbildung nicht sehr gefördert wurden. So wurde ich früh verheiratet, bekam einen Sohn und wurde sechs Jahre später aufgrund der Scheidung zur Alleinerzieherin. Ich fand eine Anstellung beim Land und übersiedelte in die Stadt Salzburg.

Immer wieder beschäftigte mich die Frage nach meinen beruflichen Zukunftsperspektiven, ich fühlte mich zu jung, um das Thema einer Ausbildung einfach abzuhaken. Ich wollte etwas machen, sowohl für mich wie auch für mein Kind. Als Alleinerzieherin ist man gezwungen, aus der Komfortzone herauszugehen, ich wollte auch bessere Verdienstmöglichkeiten haben.

FWZ: Und Ihr großes Ziel war dann die Matura?

Aysun Turan: Ja, ich begann im Herbst 2011 am WIFI und zwar mit dem Fach, das mir als das schwierigste erschien, mit Mathematik. Sollte ich das schaffen, so dachte ich, könnte ich alle weiteren Fächer auch bestehen. So saß ich dann im Unterricht und stellte fest, dass ich kaum etwas verstand, da ich sehr wenig Vorwissen hatte. Trotzdem wollte ich nicht gleich aufgeben und dann begann die Lernhilfe mit Herrn Dr. Burgstaller. Zum Glück hatte er sehr viel Geduld und konnte alle meine Fragen beantworten.

FWZ: Herr Dr. Burgstaller erzählte bei Freiwilligentreffen, dass er selbst viel Zeit investierte, um sich auf die Stunden vorzubereiten, da es ja nicht so ganz einfach ist, Mathematik zu erklären. Als pensionierter Jurist lag seine eigene Matura zudem schon viele Jahre zurück, aber es machte ihm Spaß, sich da nochmals voll einzuarbeiten. Und so hatte er viele Abende damit verbracht, sich mit Logarithmen und ähnlichen Themen zu befassen.

Aysun Turan: Mich hat das sehr beeindruckt, dass mein Nachhilfelehrer für jede Stunde eine eigene Vorbereitung mit hatte und, wäre er statt mir zur Maturaprüfung angetreten, hätte er sicher mit Sehr Gut bestanden!

Tatsächlich schaffte ich Dank seiner Hilfe die Mathe Matura und das war ein Meilenstein für mich! Mit Freude und der Sicherheit, es schaffen zu können, startete ich mit den nächsten Fächern, Deutsch, Englisch und Politische Bildung. Und im Juni 2013 hatte ich innerhalb von 2,5 Jahren die Matura in allen Fächern geschafft!

FWZ: Und dann begann für Sie eine Ausbildung im Sozialbereich, wie kam es dazu?

Aysun Turan: Mich hat das Engagement von Herrn Dr. Burgstaller davon überzeugt, dass Helfen wirklich etwas bewirken kann und so ist er ein Vorbild für mich geworden.

Ich interessierte mich stärker für soziale Themen und bewarb mich an der FH für Soziale Arbeit in Puch-Urstein, obwohl ich wusste, dass es da sehr viele BewerberInnen gab.

Und tatsächlich bekam ich einen Studienplatz und begann im Herbst 2014 zu studieren. Das Studium fiel mir viel leichter als das Lernen für die Matura, ich konnte mich da genau mit den Themen, die mich interessierten, beschäftigen. So habe ich im Frühjahr 2017 die FH mit gutem Erfolg abgeschlossen.

FWZ: Wie haben Sie das zeitlich immer alles unter einen Hut gebracht?

Aysun Turan: Da war zuerst das Ziel, die Matura zu schaffen und dann die Ausbildung zur Sozialarbeiterin. Ich habe gelernt, dass ich Prioritäten setzen muss, das Lernen stand ganz oben, allerdings hat das einiges an Verzicht mit sich gebracht. Meine Arbeit konnte ich ab dem zweiten Studiensemester auf 30 Wochenstunden reduzieren, aber ich wollte ja auch Zeit haben für meinen Sohn, und so kamen Freizeit und Treffen mit Freunden schon etwas zu kurz. Interessant an der FH war auch meine Mitarbeit in der StudentInnenvertretung.

Ich machte die Erfahrung, dass ich am Beginn von einigen Leuten nicht so ganz Ernst genommen wurde, dass ich nun auch noch studieren wollte. Aber inzwischen weiß ich auch von der Vorbildwirkung, die davon auf andere ausgegangen ist. Mehr als einmal habe ich gehört: Wenn du das schaffst, dann schaff ich das auch!

FWZ: Was hat Sie an der FH besonders interessiert?

Aysun Turan: Das waren die Praktika im „Psychosozialen Dienst“, die mir Einblick in die Beratungstätigkeit gaben und die für die Themenfindung für meine Bachelorarbeit entscheidend waren. Das Thema der Arbeit lautete „Beratungsmodelle und Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit“. In der Sozialen Arbeit sind vor allem Kommunikation, Interaktion und soziales Handeln notwendig. Kommunikation fördert die Empathie zwischen Berater/in und Klient/in.

Ich bin von dem Ansatz der „motivierenden Gesprächsführung“ als Befähigung, einen gemeinsamen Weg zur weiteren Problemlösung zu finden, sehr überzeugt. Nicht durch Zwang, sondern durch Zuhören, ein offenes Ohr für die Ansicht der Klientin/des Klienten zu haben, das ist die beste Möglichkeit, zu einander zu finden. Diese positive Erfahrung, wie entscheidend wichtig ein Gespräch sein kann, wenn man sich zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst nicht so viel zutraut, war wichtig für mich. 

Dass ich nicht gleich aufgegeben habe, verdanke ich zuerst Ihnen, Frau Ebner und dann Herrn Dr. Burgstaller. 

FWZ: Was sind Ihre weiteren Pläne?

Aysun Turan: Im Moment bin ich in der Bewerbungsphase, ich suche eine Stelle als Sozialarbeiterin, kann sein, dass sich in Kürze da schon etwas auftut. Und sehr gerne möchte ich ein Masterstudium machen, aber mein beruflicher Start als Sozialarbeiterin hat im Moment einmal Vorrang.

FWZ: Herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

Das Interview wurde von Ingrid Ebner im Dezember 2017 geführt

 

 

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