Freiwillige im Gespräch - Gertraud Kos

Mag.a Gertraud Kos

Freiwilligenarbeit als Training in Sachen Nächstenliebe!

Interviewerin: Frau Mag .a Kos, Sie sind pensionierte Pharmazeutin und nun bereits seit sieben Jahren freiwillig engagiert. Im Fachjargon ausgedrückt kann ich Sie damit als „Langzeit-Freiwillige“ bezeichnen. Sie sind in zwei Einrichtungen für SeniorInnen tätig und haben daher sehr viel Erfahrung als Besuchsdienst-Freiwillige. Wie kam es dazu? 

Gertraud Kos: Ich wurde damals im Jahr 2009 durch die Aktion „Salzburg liest vor“ auf das Freiwilligenzentrum aufmerksam und hatte mich für einen Vorlesedienst bei Ihnen gemeldet, da ich selbst sehr viel lese. Menschen vorzulesen, die selbst nicht mehr lesen können, erschien mir deshalb als eine sinnvolle Aufgabe, die ich gern einmal übernehmen wollte.

Interviewerin: Sie machen seither einmal pro Woche einen Besuchsdienst in der Seniorenresidenz Schloss Kahlsperg in Oberalm. Wie erleben Sie diese Aufgabe?

Gertraud Kos: Das Vorlesen war für mich ein guter Einstieg in den Besuchsdienst, ich biete das Vorlesen auch nach wie vor gelegentlich an, wenn es für die Seniorin, die ich besuche, gut passt. Im Laufe der Jahre habe ich drei Bewohnerinnen einmal pro Woche besucht, vor kurzem habe ich eine neue Dame kennengelernt. Sie wurde mir wiederum von Sr. Irmengard zugeteilt, die uns Freiwillige sehr gut begleitet. Jeder Besuchsdienst hat seinen eigenen Charakter, die neue Seniorin muss ich erst kennenlernen und herausfinden, was ihr Freude macht. Das erste Mal führte ich sie im Rollstuhl durch den großen Park vor dem Haus, ich merkte, dass sie sich für die Blumen und Sträucher interessierte und so fanden wir ein Thema zum Anknüpfen. Ein kleiner Strauß aus Wiesenblumen, den ich dann in ihrem Zimmer in eine Vase stellen ließ, sollte sie an meinen Besuch erinnern und daran, dass ich ihr versprach wieder zu kommen. Für mich gilt die Regel, keine Fragen zu stellen, sondern nur ein Gespräch anzubieten. Ich merke dann, dass es das Richtige ist, wenn ein Gesprächsthema das Interesse weckt und einen Zugang eröffnet oder weil es Erinnerungen wach werden lässt. Es ist schön zu sehen, wie dann sozusagen das Herz aufgeht. Einer Seniorin las ich Gedichte vor, die sie schon sehr gut kannte und die sie dann mitsprechen konnte.

Es gilt, mit den alten Menschen eine Beziehung aufzubauen, wenn das gelingt, bin ich dann eine Freundin, eine Vertraute oder wie ein Familienmitglied. Und ich bin bis zum Ende dabei.

Die Seniorin kann über das mit mir sprechen, was sie beschäftigt und was sie mir davon erzählen will. Wenn jemand nicht mehr sprechen kann, gilt es einen anderen Zugang zu suchen, etwas zu finden, wo es noch funkt. Das kann zum Beispiel Musik sein. Für uns Freiwillige braucht das viel Einfühlungsvermögen, wir sind da wie Pfadfinder, die einen neuen Weg ausfindig machen.

Interviewerin: Sie haben dann im Jahr 2011 eine weitere freiwillige Tätigkeit übernommen und sind seit damals auch in der Altenpension der Caritas in Elsbethen tätig. In diesem Haus leben ältere Menschen mit psychiatrischen Beeinträchtigungen. Wie sieht hier ihr Besuchsdienst aus?

Gertraud Kos: In der Altenpension besuche ich ebenfalls einmal pro Woche eine Seniorin. Der Einstieg lief hier über den Wunsch der Bewohnerin, etwas Französisch zu lernen. Inzwischen ist das nicht mehr das Thema, aber wir gehen jede Woche zwei Stunden lang im Hellbrunner Park spazieren. Das ist für sie ein wöchentlicher Fixtermin, der ihr Spaß macht, obwohl sie sonst nicht so leicht zu überreden ist, an Aktivitäten teilzunehmen. Zum Schluss gehen wir dann immer etwas trinken, was ihre Motivation, diese Spaziergänge mit mir zu machen, stark erhöht. Wenn wir dann gemütlich zusammen sitzen, erzählen wir uns, dass es uns beiden einfach gut geht. Im Laufe der Jahre ist ein freundschaftlicher Kontakt entstanden, auch wenn sie mich zwischendurch wieder einmal vergisst, der gewohnte gemeinsame Spaziergang stellt den Kontakt dann rasch wieder her.

Interviewerin: Kennen Sie die Biografie der Seniorin?

Gertraud Kos: Nein, und ich finde diese ganz unwichtig. Die Frau lebt nur im Jetzt und ich höre mir die Geschichten an, die sie mir erzählt, egal ob sie real sind oder nicht.

Die gute Begleitung durch die Freiwilligenkoordinatorin finde ich aber sehr wichtig, an sie kann ich mich wenden, wenn ich Fragen habe.

Interviewerin: Was motiviert Sie, so konsequent und verlässlich bei diesen freiwilligen Einsätzen zu bleiben?

Gertraud Kos: Für mich persönlich denke ich, dass ich einfach mein Talent oder meine Fähigkeit, diese Dienste zu machen, einsetze und nutze. Mir war es wichtig, die Energie weiterzugeben, die ich hatte, als ich in Pension ging, frei von den Verpflichtungen im Beruf.

Durch den Besuchsdienst bekomme ich etwas zurück, ein kurzes Lächeln kann die Bestätigung sein, dass mein Besuch Freude gemacht hat.

Ich bin davon überzeugt, dass ein freiwilliger Einsatz für jeden zu seinem eigenen Vorteil wird, weil es zum eigenen Glück beiträgt, etwas zu tun für andere, die Hilfe brauchen.

Interviewerin: Bei der Suche nach freiwilligen MitarbeiterInnen spielen die Kompetenzen, die diese mitbringen sollen, eine große Rolle. Welche Kompetenzen halten Sie für einen gelingenden Einsatz im Seniorenbereich für besonders wichtig?

Gertraud Kos: Mir drängt sich zu den hoch betagten Seniorinnen, die ich besucht habe, speziell für die, die schon sehr stark eingeschränkt waren, der Vergleich auf, dass ich als Besucherin die gleiche Einstellung brauche wie ich sie zu meinem kranken Kind haben muss. Da braucht es Geduld, Fürsorge und Zuwendung. Und ich nehme nichts übel, weil ich weiß, dass sich das Kind so und so verhält, weil es eben krank ist. Das gilt wie gesagt nicht allgemein, aber das war meine Erfahrung mit den Menschen, die ich bis ans Ende ihres Lebens begleiten durfte.

Interviewerin: Würden Sie sagen, dass Freiwilligenarbeit eigene Einstellungen und Sichtweisen prägt oder auch verändert?

Gertraud Kos: In Bezug auf den Seniorenbesuchsdienst kann ich sagen, ja, dieser Einsatz prägt auf jeden Fall! Für mich als ältere Freiwillige bietet diese Erfahrung die Chance, mich selbst mit Würde und ohne Depression auf einen Lebensabschnitt vorzubereiten, der in irgendeiner Weise auch auf mich zukommen wird. Und weil es gilt, mitunter Schwieriges auszuhalten, würde ich sagen, Freiwilligenarbeit ist ein Training in Sachen Nächstenliebe!

Interviewerin: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview wurde im Herbst 2016 von Ingrid Ebner geführt

 

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